Menu
Online-Ausstellungen der deutschen Minderheit in der Ukraine

Aus den Erinnerungen von Anton Bosch an die Repatriierung

Das größte Sammellager für »Heimkehrer« befand sich in der Nähe der Stadt Halle in einer ehemaligen deutschen Kaserne. Es hatte bei voller Belegung eine Kapazität von 11 000 Personen. Nach Ankunft der »Heimkehrer« wurden von einer Militärkommission die Personalpapiere geprüft. Viele Landsleute vernichteten ihre deutschen Personalausweise, vor allen Dingen die mit Adler und Hakenkreuz ausgestatteten Geburtsurkunden ihrer in Deutschland geborenen Kinder (als ob sie mit dem Kinderkriegen ein Verbrechen begangen hätten). Die Ankommenden wurden in Baracken eingewiesen. Das Lager war mit Stacheldrahtverhauen umgeben, so daß der Eindruck erweckt wurde, die Menschen befänden sich in einem Gefängnis.

Die Lagerverwaltung bestand aus Sowjetoffizieren der inneren Streitkräfte (MWD) und einigen deutschen Zivilisten, die sich durchweg höflich und entgegenkommend zeigten. In der Regel gab es dreimal täglich warmes Essen aus einer Gulaschkanone der ehemaligen deutschen Wehrmacht: morgens Kascha aus Graupen oder Grütze, mittags die traditionelle russische Krautsuppe, gelegentlich auch deutsche Erbsensuppe, und abends wieder Kascha mit schwarzem Tee. Brot gab es zu allen Mahlzeiten zwei Schnitten pro Person.

Bald setzte die Umerziehung der Lagerinsassen ein. Für die Kinder wurden eigens dafür in der UdSSR ausgebildete Erzieher angestellt. Die Kinder wurden »spielend« prosowjetisch unterrichtet. Da gab es Politik in Gedichtform, Liedern und Kinderspielen. 

[…]

Mit solchen und ähnlichen Mitteln lockten die Sowjets ihre ehemaligen Staatsbürger zurück ins Paradies der Werktätigen. Alle »Heimkehrer« wurden beim Eintreffen im Lager genauestens erfaßt und beobachtet. In jedem größeren Lager war eine Untersuchungskommission des MWD intensiv beschäftigt, die Leute zu prüfen. Diese Kommissionen, die aus ausgesuchten und speziell ausgebildeten MWD-Offizieren bestand, prüfte jeden »Heimkehrer« einzeln, wobei dieser genauestens über seine Tätigkeit während der deutschen Besatzungszeit Bericht erstatten mußte. Hier fanden bereits einige Festnahmen von Rußlanddeutschen statt.

Nach drei Wochen verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, daß alle Lagerinsassen nach Sibirien deportiert würden. Das verursachte viel Unruhe. Einige meldeten sich für einen Besuch zu Verwandten nach Halle ab und kehrten nicht zurück, andere stiegen nachts über den Zaun und gingen in den Westen. Die Lagerverwaltung verschärfte daraufhin die Kontrollen im Lager. Ausgänge wurden nicht mehr genehmigt. Dies alles ließ Schlimmes ahnen.

Mitte August 1945 wurden die ersten Züge, bestehend aus fünfzig bis sechzig Güterwaggons, auf das Lagergleis geschoben und die Heimkehrer mit ihren Habseligkeiten verladen. Täglich verließen ein bis zwei Züge, vollgestopft mit Menschen, das Lagertor in Richtung Osten, der Zugängehen the Sonne entgegens. Was sie dort erwartete, wußte niemand.

×