Als die Russen im Januar 1945 unaufhaltsam im Vormarsch waren, flüchteten meine Eltern aus dem Dorfe Wilhelmswald bei Litzmannstadt (Lodz) westwärts. […] Es ging mal auf Wagen, mal zu Fuß. Die Front war immer im Nacken gewesen, und die große Angst, wieder in russische Hände zu fallen, machte sie mürbe und krank. Bei Kalisch gerieten sie in die Kampfhandlungen. So kamen sie bis Pretschen im Spreewald [...].
Dann ging es wieder weiter und so kamen sie den 3. März 1945 in Kitzen bei Leipzig an. Dort trafen, wie durch ein Wunder, viele unserer Verwandten zusammen. In Kitzen verteilte der Bürgermeister die Familien. Meine Eltern kamen zu einem Bauern. […]
Die Front rückte immer näher, Leipzig wurde furchtbar bombardiert. Dann dauerte es nicht mehr lange und Kitzen wurde von den Amerikanern besetzt. Es war eine allgemeine Freude, daß wir dem sowjetischen Regime entkommen waren. Doch eines Tages verließen die Amerikaner Kitzen, und russisches Militär rückte ein. Der Schreck und unsere Niedergeschlagenheit ist kaum zu beschreiben. Die schwere Fluchtreise mit Not, Hunger und Angst verbunden, war also vergebens gewesen. Was tun? Daß die Russen uns zurück nach Rußland schicken würden, war uns klar. Weiterflüchten war zu spät. Mein Vater wolle versuchen, zu Fuß mit uns westwärts zu gehen; wir waren erwachsene Menschen. Da baten die anderen, sie nicht im Stich zu lassen. Vater hatte dort noch drei Schwestern. Auch Großmutter Janzen und der Bruder meiner Mutter mit Familie waren dort. Auch der Bruder von Vater, K. Epp mit Frau und Schwiegertochter, deren Mann bei der Wehrmacht war, waren da. Die Schwiegertochter hatte gerade ihr sechstes Kind geboren; meine Großmutter hatte angefrorene Füße und manche andere Gebrechen hunderten. Alle einigten sich, zusammen zu bleiben, komme, was da wolle.
Im Juli 1945 war es soweit. Unsere Befürchtungen wurden wahr. Wir wurden nach Zeithain ins Sammellager gebracht. […] Eine große Furcht überkam uns aufs neue, daß wir jetzt nach dem grausigen Norden Rußlands geschleppt würden. Von Zeithainer Lager ging es nach der Grenzstadt Kowell. Den 28. August 1945 reisten wir von Zeithain los und den 10. September erreichten wir Kowell. Es war schon ziemlich kalt und regnerisch, und trotzdem wurden wir in ein von Stacheldraht umzogenes Lager gebracht, wo wir unter freiem Himmel noch zwei Wochen leben mußten. […] Für Alte, Kranke und Kinder war die Situation besonders katastrophal. Meine Tante, die schon krank war, starb hier. Es war ja auch keine ärztliche Hilfe da; wir waren geächtet und galten als Mitschuldige an Hitlers Verbrechen. Viele erkrankten. Die Verpflegung war erträglich, sie bestand aus erbeuteten deutschen Waren.
Den 25. September 1945 wurde ein neuer Zug zusammengestellt, und wir wurden verladen, und los ging es nach Rußland, in die Heimat, wie man sagte. […] Aber bald wurde klar, daß unsere beschwerliche Reise geradewegs nach Norden ging und nicht in unsere Heimat (in der Ukraine). Die Reise dauerte einen Monat. Den 25. Oktober 1945 kamen wir in der Stadt Solikamsk, Gebiet Perm, an, wo wir ausgeladen wurden. Hier war schon richtiger Winter mit viel Schnee und Frost. Wir waren alle ohne Winterkleidung. An den Füßen hatten etliche nur Holzpantoffeln. Unterwegs war in den Wagen der Typhus ausgebrochen, so daß wir viele Kranke dabei hatten.
(Mennonitisches Jahrbuch, 1985)